Florian Künstler - Diese Straßen Artwork

Wie oft werden obdachlose Menschen reduziert auf „Obdachlose“, anstatt ihnen wenigstens ein Stück Menschlichkeit zu lassen? Wie oft gehen wir vorbei, ohne hinzusehen, senken schamhaft den Blick, sehen in eine andere Richtung, gehen einfach weiter, als wäre da niemand?

Mir sind in meinem Leben viele obdachlose Menschen begegnet, die irgendwo einfach durch ein Raster gefallen waren. Der Arzt, der seine Frau auf dem OP-Tisch verlor und dadurch den Halt und den Boden unter den Füßen verloren hat. Er ist schon lange tot, aber vergessen werde ich ihn niemals, weil er vor langer langer Zeit meine Sicht auf obdachlose Menschen verändert hat. Ein Kumpel von mir vor vielen vielen Jahren verlor seine Wohnung, weil er seinen Job verloren hatte. Auch er fiel durch ein Raster und war einige Monate obdachlos, bis ihn ein Freund und seine Frau aufnahmen, bis er wieder eine Arbeit und eine neue Wohnung fand. So viele Schicksale, so viele Leben, einfach dahingeworfen, weil irgendwo irgendjemand durch irgendein Raster gefallen ist.

Florian Künstler hat aus dieser schlimmen Thematik einen eindrücklichen Song gemacht. Der Lübecker Singer-Songwriter zeigt mit „Diese Straßen“ einmal mehr, dass er einer ist, der hinsieht, der versteht, der mitfühlt. Ein Lied, das berührt. Ein Lied, das auffordert, hinzusehen und nicht vor dem schlimmen Schicksal obdachloser Menschen die Augen zu verschließen.

Bei obdachlosen Männern bin ich immer zurückhaltend mit dem Helfen, weil ich eine Frau bin. An obdachlosen Frauen gehe ich aber schon seit Jahren nicht vorbei, sondern halte an, frage nach, gebe, wenn ich es kann. Weil es mir am Herzen liegt. Und weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schnell man abstürzen kann und wie schwer es dann ist, wieder Fuß zu fassen.

Und diese Straßen schreien deinen Namen 
Haben dich getragen, als es nicht mehr tiefer ging 
Und diese Straßen kennen deine Narben 
Haben auf dich gewartet, sagen wir kriegen das hin
wir kriegen das hin

Florian Künstler – Diese Straßen