Der Schweizer Sänger Sam Himself © Harry Griffin

Am Freitag dieser Woche hat sein Debütalbum Release-Day. Mit seiner Stimme hatte er mich schon mit seiner ersten Single daraus, „What It`s Worth“, eingefangen und geflasht. Gleich zwei gute Gründe, ein Interview mit Sam Himself zu führen.

Dein erstes Album „Power Ballads“ steht in den Startlöchern. Warum ausgerechnet Power Ballads? Und warum genau diese Zusammenstellung und Reihenfolge von Songs auf Deinem Debüt?

Wie viele andere wurde auch ich letztes Jahr auf zuvor ungekannte Arten mit den Grenzen meiner persönlichen Macht konfrontiert. Das hat mich zum Nachdenken angeregt über deren Ursprünge und die Selbstverständlichkeit, mit der ich meine zahlreichen Privilegien bisher hingenommen hatte. Ich bin entschlossen, aus dieser Erfahrung mit mehr Empathie und Demut hervorzugehen, krasse Gegensätze also zu den Klischees und Exzessen, deretwegen Rocknroll sehr zurecht immer wieder für tot erklärt wird. Power-Balladen sind für mich der Inbegriff dieser selbstbezogenen Altlasten des Genres; mit denen muss sich auseinandersetzen, wer 2021 Rockmusik machen will, sonst wird das völlig irrelevante Musik für niemanden.

Und was bedeutet es für Dich, endlich Dein Debütalbum veröffentlichen zu können?

Sehr viel! Gerade nach all dem Durchdrehen, Aufgeben und neu-Anfangen des vergangenen Jahres – dass daraus etwas geworden ist, hinter dem ich stehen kann und das zu teilen ich mich freue, darauf bin ich sehr stolz.

Dich hat die Pandemie kalt erwischt, als Du gerade auf Tour warst. Anstatt in Deine Wahlheimat New York zurückkehren zu können, bist Du in Basel gestrandet und Deiner Vergangenheit begegnet. Wie fühlt sich das im Nachhinein für Dich an? Und wie hat all das Deine Schreiben und Dein Album beeinflusst?

Im Nachhinein macht das natürlich viel mehr Sinn als im Moment. Jetzt würde ich es nicht anders haben wollen, glaube ich, aber zu der Zeit hat mir das schon zu schaffen gemacht. Home doesn’t forget! So zuhause im Exil hat mich viel Unverarbeitetes und Trauriges eingeholt und zeitweise fast gezwungen, darüber zu schreiben, weil ich an nichts anderes denken konnte. Das war zwar oft nicht ganz einfach, aber rausgekommen sind die ehrlichsten, persönlichsten Songs, die ich bisher geschrieben habe.

Sam Himself Power Ballads Cover © Stefan Tschumi
Sam Himself Power Ballads Albumcover © Stefan Tschumi

Dein Pseudonym Sam Himself ist eingängig und selbst für Leute, die wie ich ein schlechtes Namensgedächtnis ihr eigen nennen, leicht zu merken. Warum Sam Himself?

Dann hat der olle Moniker sein Ziel erreicht, freut mich! Entstanden ist er eigentlich als Witz: vor meinem Soloprojekt hatte ich diverse Bands und andere Formationen, die allerdings immer kleiner wurden. Zuletzt war noch ein kurzlebiges Duo übrig geblieben, dessen andere Hälfte eines Abends nicht zum Konzert auftauchte, worauf der Club-Promoter mich zum Spass als “Sam…himself!” ankündigte. Der Name ist nicht nur hängen geblieben sondern wurde daraufhin zum Programm.

Du bezeichnest Dich selbst als „Fondue Western“- Bariton. Wie bist Du darauf gekommen?

Das hochspezifische Genre verdanke ich meinem Produzenten Daniel Schlett. Ich mag meine Lead-Gitarren gern klebrig und schief, wie lange Fäden, die so überm Song hängen bleiben. Daniel hat diese Vorliebe auf meine Fondue-affine Schweizer Heimat zurückgeführt. Daraus wurde dann irgendwann Fondue Western, in Anlehnung an Spaghetti Western.

Und überhaupt Bariton und Stimme. Du hast einen für einen Schweizer außergewöhnliche Stimme. Wüsste ich nicht, dass Du aus der Schweiz kommst, hätte ich Dich niemals dort verortet, sondern tatsächlich als US-Künstler vermutet. Wann hast Du gemerkt, dass das Singen Dein Weg ist und Du ein besonderer Künstler bist?

Als besonders habe ich meine Stimme schon früh empfunden, allerdings lange eher im negativen Sinn. Auch von aussen bekam ich immer wieder bestätigt, dass ich mit meinem tiefen Brummel-Organ gewiss kein Sänger sei. Umso mehr habe ich insistiert, vielleicht aus Trotz oder weil ich es einfach nicht anders konnte. Mit der Zeit habe ich so den wichtigsten Zugang zu dem, was ich tue, gefunden: bekenn dich zu deinen Limitationen, mach sie nützlich und finde die Stärke, die Eigenständigkeit darin.

Keine Kunst ohne Inspiration. Dies gilt für AutorInnen wie mich, und für MusikerInnen wie Dich. Wer hat Dich besonders inspiriert in Deinen musikalischen Anfängen und von wem würdest Du heute sagen, dass er oder sie eine ganz besondere Inspiration für Dich ist?

Am Anfang war Nirvana. Die haben mich komplett durchgeschüttelt so mit 10, 11 Jahren. Mein cooler älterer Cousin zeigte mir das Video zu “Lithium” und ich liess mir umgehend die Haare wachsen. Über Nirvana kam ich dann auf die Pixies, Velvet Underground, PJ Harvey… Und Bowie natürlich! Kaum eine KünstlerIn tuts mir immer wieder auf neue Weise so sehr an wie David Bowie. Im Moment erhole ich mich nebenbei von einer ziemlich steilen Country-Welle – Waylon Jennings, Kris Kristofferson, Lucinda Williams – und höre viel John Cale und Phoebe Bridgers.

Eigentlich war eine Album-Release Tour für den Herbst & Winter geplant. Doch da hat sich, wie bei so vielen KünstlerInnen, auch bei Dir so einiges verschoben. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in Sachen Tour? Kannst Du da schon bestätigte Daten vermelden?

Yes! Vor Kurzem wurden die neuen Daten meiner Deutschland-Tour mit We Invented Paris bestätigt. Die wird uns im Mai 2022 über Berlin, Köln und Hamburg quer durchs ganze Land führen. Ausserdem sind jede Menge Gigs in der Schweiz geplant mit Abstechern in die USA und anderswo in Europa. The more, the merrier! Ich freu mich über jedes neue bestätigte Datum.

Und auch sonst, wie sehen Deine musikalischen Pläne für die kommenden 12 Monate aus?

Ich bin schon ziemlich eifrig am Schreiben meines nächsten Albums. Wann das rauskommt, steht zwar noch in den Sternen, aber ich brauch den Prozess für meine innere Ruhe und als Alibi, um mein Heimstudio weiter auszubauen. Daneben kommen laufend neue Live-Shows rein und ich will mir endlich das Schlagzeugspielen beibringen!

Danke für das Interview! Ich wünsche Dir viel Erfolg für Dein Debütalbum und auch weiterhin eine spannende und kreative musikalische Reise.

Christel

Danke Dir fürs Hören und Fragen! Hoffentlich sieht man sich mal an einem Konzert, würd mich freuen.

Der Schweizer Sänger Sam Himself © Harry Griffin
Sam Himself © Harry Griffin